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Ein Samstag vor Weihnachten in Paris
Es war am letzten Adventssamstag vor Weihnachten, ein Tag an dem man gar nicht an Weihnachten denkt. Kein Schnee, wunderbarer Sonnenschein und verhältnismässig warm für die Jahreszeit.

Michel, ein junger Student stand auf einem Platz an der berühmten Champs-Elysées und verkaufte Weihnachtsbäume.
Nicht, dass er diese Arbeit besonders liebte, aber sie brachte ihm das nötige Geld, um in den nächsten Wochen sein Leben zu finanzieren. Viele Menschen waren unterwegs, zum Teil gehetzt und nervös und doch mit der Freude, die man hat um für Menschen die man liebt, ein Geschenk kaufen zu dürfen. Michel hatte soeben für eine ältere freundliche Dame einen kleinen Weihnachtsbaum eingepackt und verabschiedete sie höflich.
Er drehte sich um und hätte Lisa fast umgestossen, so nahe stand sie bei ihm.
«Hallo», meinte sie lächelnd. «Hallo!» sagte auch Michel und blickte in ein hübsches Gesicht mit zwei rehbraunen Augen, die ihn spitzbübisch betrachteten. «Kann ich ihnen helfen?» «Weiss ich nicht», meinte Lisa gelassen! «Ich glaube ich habe mich verlaufen. Vielleicht wissen Sie, wo sich der grosse Parkplatz hier in der Nähe befindet? Dort steht mein Auto, aber ich kann die Seitenstrasse nicht mehr finden und weiss auch nicht mehr, wie ich zu diesem Parkplatz komme.»
«Aber selbstverständlich helfe ich ihnen. Möchten Sie keinen Weihnachtsbaum kaufen?» fragte Michel. Zum ersten Mal ging es ihm nicht darum, einen Baum zu verkaufen. Er hatte nur Angst, dieses hübsche Geschöpf würde sich umdrehen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden, wenn er ihr sagen würde, wo sich der Parkplatz befindet. In diesem Moment trat Monsieur Bértrand zu ihm hin. Er war ein freundlicher, älterer Herr und Michel arbeitete gerne für ihn. «Du kannst nun Mittag machen», meinte Bértrand und griff mit der Hand an seinen Chapeau um Lisa zu begrüssen. «Danke Chef», lächelte Michel, schaute Lisa an und sagte: «Mein Name ist Michel und wenn Du möchtest, begleite ich Dich zum Parkplatz.» «Lisa ist mein Name und ich nehme Dein Angebot gerne an». Er hielt ihre Hand einen Augenblick und wollte sie am liebsten nicht mehr loslassen, so gut war das Gefühl, diese kleine, feine Hand zu halten. «Alors, gehen wir».
Die beiden nickten Monsieur Bértrand zu und verliessen den Platz.
«Lisa, bist Du hier zu Besuch?» fragte Michel. «Ja», antwortete Lisa, «ich besuchte meine Tante, die seit vielen Jahren hier in Paris wohnt. Ich komme aus dem Fürstentum Liechtenstein, ein kleines Land zwischen der Schweiz, Deutschland und Österreich. Im Moment habe ich Ferien und geniesse es zum ersten Mal mit meinem alten aber eigenen Wagen durch die Gegend zu fahren.»
Lisa und Michel. Es gibt Momente im Leben, in denen sich zwei Menschen begegnen. Ohne viele Worte gehen sie in die gleiche Richtung, manchmal kurz, manchmal länger, manchmal für ein Leben. Aber entschieden wird die Geschichte immer in einem Augenblick!
Auch unsere zwei jungen fröhlichen Menschen hatten entschieden, diesen Tag miteinander zu verbringen in einer Welt von Lachen, Erzählen, Glück und Frieden. Sie kauften Maronen, tranken Glühwein, stiegen auf den Eiffelturm, zündeten in der Notre-Dame eine Kerze an und waren glücklich.
Sie vergass ihr Auto und Michel seinen Chef. Als die Dunkelheit hereinbrach kam es ihnen in den Sinn. Michel beschlich ein schlechtes Gewissen und beide liefen schnell zum Platz, wo Bértrand seine Bäume verkaufte. Es war 17.00 Uhr und der freundliche Monsieur Bértrand war dabei seine nicht verkauften Bäume aufzuladen. Er war ziemlich wütend auf Michel und wollte zu ihm sagen, dass er ja nie mehr aufkreuzen müsse. Dann dachte er an seine Jugend, an eine Zeit, in der es manchmal diese unbeschwerten Momente gab und allmählich verschwand seine Wut. Und als er nun die beiden «Kinder» über die Strasse kommen sah, beide mit einem Gesicht, aus dem man das schlechte Gewissen und gleichzeitig das Strahlen aus dem Herzen ablesen konnte, da konnte er nicht mehr böse sein. «Helft mir die Bäume aufzuladen, es wird kalt, und danach fahren wir zu Russo eine warme Bouillabaisse essen». Die drei räumten den Platz auf und setzten sich später zu dritt in Bértrands alten Lastwagen.
Russo war Wirt aus Leidenschaft. Vor langer, langer Zeit hatte Russo dieses Restaurant übernommen, wahrscheinlich schon von seinem Vater. Keiner wusste das so genau. Das Restaurant war alt und der Stil verjährt, aber es war warm und gemütlich und Russo kochte die beste Bouillabaisse auf der ganzen Welt. Bértrand stellte sein Fahrzeug auf den Platz vor der Türe. Er wandte sich Michel und Lisa zu, die sich anstrahlten. «So, nun gibts was Warmes in den Bauch.» Vor dem Restaurant, mitten im Viertel von Sait-Michel, stand Russo und begrüsste lachend seinen Freund Bértrand. «Comment vas-tu?» Beide umarmten sich kurz und traten ein. Michel und Lisa folgten ihnen. «Mein Freund, ich habe Dir auch einen Tannenbaum mitgebracht», meinte Bértrand zu Russo. «Wir werden ihn gleich da hinten in der Ecke aufstellen und wenn Du Deinen Baumschmuck hier hast könnten Michel und Lisa den Baum festlich schmücken.»
Einen Weihnachtsbaum zu schmücken, das ist eine wunderschöne Aufgabe und die beiden taten es mit der Freude und dem Glück zwei verliebter Kinder. Russo kochte die Suppe fertig und Bértrand half ihm dabei. Das heisst, er stand in der Küche, trank einen Pernod und die beiden unterhielten sich über die Dinge dieser Welt. Als der Baum fertig war und er war wunderschön, bekam Lisa ihren ersten Kuss von Michel. Bértrand und Russo traten aus der Küche und bestaunten den wunderschönen Weihnachtsbaum, der mit viel Liebe geschmückt worden war und diese Liebe strahlte und widerspiegelte sich in seinem Aussehen. Die vier setzten sich an den Tisch, assen Bouillabaisse mit Weissbrot, tranken Wein und waren fröhlich.
Draussen begann es ganz leicht zu schneien und in ein paar Tagen war Weihnachten. Hier aber, mitten in Paris hatten vier Menschen ein Fest der Freude und Liebe. Sie schenkten einander das Glück dieser Welt, denn mehr braucht es nicht, liebe Leserinnen und Leser. Menschen, die man liebt an einem Tisch, eine feine Bouillabaisse, ein Bäumchen, ein paar Kerzen und die Freundschaft.

In diesem Sinne
Ihnen allen eine
schöne Weihnachtszeit