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Interview mit Regierungsrätin Dr. Aurelia Frick

 

Was fällt Ihnen spontan zum Staatsfeiertag ein?
Wenn Sie mich gefragt hätten, ob ich ein anderes Wort für Staatsfeiertag wüsste, dann hätte ich sofort gesagt «Fürstenfest». Damit möchte ich ausdrücken, dass wir an unserem Staatsfeiertag über unseren Staat, die Staatsform und unser Zusammenleben nachdenken sollten. Die Wurzeln unseres Staatsfeiertages liegen dort, wo man in einer Zeit grosser Bedrohung ein kraftvolles Zeichen setzen wollte - für unseren Staat, für die Gemeinsamkeit von Fürst und Volk. Aber auch die Herausforderungen der Zukunft sind Anlass, nicht nur ein Fest zu feiern, sondern über den tieferen Sinn eines Staatsfeiertages nachzudenken.

Verbinden Sie mit dem Staatsfeiertag eine persönliche Tradition?
Wie viele andere Kinder bin ich mit   meiner Familie immer zur «Fürstenfeier» mit gegangen und das hat mich jedesmal gefreut. In unserer Familie wurden die politischen und wirtschaftlichen Probleme unseres Landes offen diskutiert, was mich geprägt hat.
Auch während meinen beruflichen Tätigkeiten im Ausland habe ich nie den Faden zur Heimat verloren. Somit ist es für mich eine Art Tradition, aktiv am Staatsfeiertag teilzunehmen. Dass ich es dieses Jahr erstmals in der Funktion als Regierungs-mitglied tun kann, erfüllt mich mit besonderer Freude.

Über Identität und Souveränität wird heute viel gesprochen, was bedeutet es aus Ihrer Sicht für Liechtenstein?
Bei den noch nicht lange zurück liegenden Feiern zum Jubiläum «200 Jahre Souveränität» haben wir spüren können, was die Identität eines Landes bedeutet und welche Herausforderung die Erhaltung der staatlichen Souveränität mit sich bringt. Heute ist die Souveränität unseres Landes mit zahlreichen Verträgen und Abkommen sowie mit der Mitgliedschaft in internationalen Organisationen wie UNO und Euro-parat oder in Gemeinschaften wie EFTA und EWR gut abgesichert. Liechtenstein muss sich als kleiner Staat in der Welt  der grösseren Staaten behaupten, gleichzeitig aber auch seine Solidarität gegenüber den ärmeren und benachteiligten Ländern und Völkern bekunden.

Sie sind am Staatsfeiertag 144 Tage im Amt, wie ist Ihre Bilanz dieser Amtszeit?
Bilanz müssten eigentlich andere ziehen und die genannte Zeitspanne von 144 Tagen ist für eine Bewertung wohl sehr kurz. Aber wenn ich zurück blicke, dann waren diese gut hundert Tage eine anstrengende, aber lehrreiche Einarbeitszeit. Die Herausforderungen der Ressorts Äusseres, Justiz und Kultur habe ich mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gerne angenommen und dabei neben der Erledigung des Tagesgeschäfts auch verschiedene Ideen und Projekte für die Zukunft entwickeln können. Die Arbeit in der Regierung ist abwechslungsreich, sie kommt meinem Bedürfnis nach Austausch und Zusammenarbeit mit anderen Menschen entgegen. Dabei konnte ich im Land sehr viele interessante Personen kennen lernen und im Ausland bereits wichtige Kontakte knüpfen.
 
2009, die Wirtschafts- und Finanzkrise hat Europa und die USA fest in der Hand. Welches sind die grössten Herausforderungen für Liechtenstein in der Gegenwart und Zukunft?
Die wahrscheinlich grösste Herausforderung für unser Land liegt in der Bewältigung der gegenwärtigen Finanz- und Konjunkturkrise sowie in der künftigen Positionierung unseres Wirtschafts- und Finanzplatzes mit den entsprechenden gesellschaftspolitischen Auswirkungen. Auf die internationale Konjunktur haben wir wenig Einfluss, jedoch müssen wir uns auf veränderte Rahmenbedingungen unter Berücksichtigung einer verstärkten internationalen Zusammenarbeit, gerade auch in steuerlichen Angelegenheiten, einstellen. Dazu braucht es gesetzliche Massnahmen wie z. B. die geplante Steuerreform, jedoch vor allem eine innovative Ausrichtung der liechtensteinischen Finanzdienstleister. Der Staat muss derzeit mit deutlich weniger Steuereinnahmen rechnen, deshalb ist auch das in den guten Zeiten gewachsene Anspruchsdenken mit immer höheren finanziellen Leistungen des Staates kritisch zu hinterfragen.

Gibt es ein Projekt in Ihrem Ressort, auf das Sie sich besonders freuen?
Ich möchte hier nicht vorgreifen, aber gerade in der Kulturpolitik schweben mir einige Projekte vor, die ich gerne verwirklichen möchte. Dazu gehört die regelmässige Verleihung des Kulturpreises, der bereits besteht und auch schon einmal verliehen wurde. Dann denke ich darüber nach, wie man die vielfältigen und wertvollen Kulturaktivitäten von Vereinen und Institutionen unter einem «Kulturdach» zusammenfassen könnte, um Synergien zu nutzen. Wir haben gesamthaft ein äusserst attraktives Kulturangebot, das es zu erhalten und zu fördern gilt, gerade auch über die Grenzen hinaus. Der Mensch braucht die Kultur, die etwas bietet, was über den Alltag hinausträgt.

Am Ende vieler Interviews wird eine Zukunftsfrage gestellt. Es ist uns allen bewusst, dass keiner von uns in die Zukunft blicken kann, aber wir leben in einer Zeit der Analysen und haben auch das Hoffen und Wünschen nicht verlernt. Wie sieht Ihr Wunsch oder Blick in die Zukunft aus?
Unsere Vorfahren hatten die Kraft, die vielfältigen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu bewältigen und unser Land als souveränes Staatswesen zu erhalten. Aus dieser Vergangenheit müssen wir unsere Energie schöpfen, um auch die Probleme der Zukunft zu bewältigen. Wir können stolz auf die bisherigen Errungenschaften unseres Landes sein, jedoch bedarf es im globalen Wettbewerb und in einem veränderten politischen Umfeld künftig grösserer Anstrengungen zur Erhaltung von Wohlstand und sozialer Sicherheit.

Regierungsrätin Dr. Aurelia Frick