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Interview

Das Wunderwerk
Gehirn und die Musik

exclusiv im Interview mit Prof. Dr. Jürg Kesselring, Neurologe und Mitglied des Stiftungsrats der Internationalen Musikakademie in Liechtenstein

Sie sind seit Beginn an Mitglied im Stiftungsrat der Internationalen Musikakademie in Liechtenstein. Was ist Ihre Motivation, hier dabei zu sein?
Prof. Dr. Jürg Kesselring: Ich weiss wie schwer es ist, heutzutage ein erfolgreicher Berufsmusiker zu sein. Der Konkurrenzdruck ist enorm, da es sehr viele gute Musikerinnen und Musiker auf der Welt gibt. Was wir hier bei der Internationalen Musikakademie in Liechtenstein von Anfang an gefördert haben, ist nicht nur die musikalische Entwicklung und Perfektion der jungen Menschen, sondern auch deren Persönlichkeit. Im Laufe der Jahre sehe ich nun, wie dieser Grundgedanke der «Förderung der Gesamtpersönlichkeit» Früchte trägt.

Warum ist es notwendig, neben der musikalischen Förderung auch die  Gesamtpersönlichkeit eines angehenden Musikers zu fördern?

Musik ausüben ist viel mehr als nur Noten spielen. Man darf nicht vergessen wie  anspruchsvoll das weitere Berufsleben der jungen Musikerinnen und Musiker sein wird. Wir wollen mithelfen, die jungen Menschen zu lehren, wie man mit Druck umgeht, ohne leichtfertig zu werden. Eine gute Balance zwischen Angst, Lampenfieber und Erwartungen zu erreichen, ist schwer, aber notwendig.
Wie wichtig ist dabei die individuelle Förderung?

Sehr wichtig, eine Voraussetzung dafür sind gute Lehrer, die ihre Schüler psychologisch nicht unter Druck setzen. Ein guter Lehrer schafft ein entsprechendes Verhältnis zwischen Spannung und Entspannung, also zwischen dem Üben und der Freizeit. Hier das richtige Mass zu finden, individuell für jeden Schüler, ist eine grundlegende Voraussetzung für den späteren Erfolg. Auch das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler sollte harmonisch sein, am besten wäre es, wenn der Lehrer seine Schüler auch gerne hat (lacht). Aus der Physiologie heraus wissen wir zudem, dass man ganz Wichtiges nicht alleine üben kann, man braucht dazu wohlgesinnte Menschen in der Gruppe.

Welche Bedeutung hat Musik für die Menschen generell? Wie beurteilen Sie das aus Sicht eines Neurologen?

Mein Freund Univ. Prof. Dr. med. Eckart Altenmüller hat dazu ein gutes Buch geschrieben. Er ist Universitätsprofessor und Direktor des «Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin» der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Der Titel seines Buches ist «Vom Neandertal in die Philharmonie» mit dem Untertitel «Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann».
Für uns als Neurologen ist es sehr interessant zu überlegen, was für eine Bedeutung die Musik biologisch hat.
Ich habe dazu eine Vielzahl an experimentellen Untersuchungen gemacht. Ich habe zum Beispiel sehr gute Musiker gebeten, ein Stück zu spielen, welches sie richtig gut können und gleichzeitig mit mir zu sprechen. Das Interessante daran, es funktioniert nicht wirklich.
Natürlich können die Musiker gewisse Abläufe, die sie eingeübt haben, wiedergeben, aber sobald die Harmonie wechselt, gibt es kurze Pausen in der Kommunikation. Das heisst, die Sprache wird ausgesetzt. Wir wissen, dass ähnliche Teile im Gehirn beim Reden aktiv sind, wie wenn wir selber aktiv Musik ausüben. Da die Sprache abgestellt wird, wenn wir Musik machen, zeigt uns, dass die Musik die primäre Kommunikationsform ist und die Sprache die sekundäre. Wir teilen auch über die Sprache sehr viel Melodisches mit. Bei Rechtshändern ist die Sprache in der linken Hirnhälfte organisiert, aber das Melodische der Sprache oder gewisse Formen der Sprache, wie die Metapher zum Beispiel, ist rechts organisiert.
Für die Kommunikation ist die Organisation der rechten Hirnhälfte bedeutender und das kann man speziell mit Musik schulen.
Es ist eben nicht so, dass Musik Luxus ist, wie manche behaupten mögen, sondern es ist etwas grundlegend Wichtiges für das Leben. Und Musik wird überall auf der Welt verstanden.                              

Wir bedanken uns bei Prof. Dr. Jürg
Kesselring für das Gespräch.
fotos: © exclusiv