Angelika Overath und Manfred Koch, © exclusiv
Ein besonders persönlicher Zugang zu Rilke eröffnete sich über Manfred Kochs Vorwort. Darin beschreibt er, dass er dem Dichter zu Beginn seines Studiums skeptisch gegenüberstand und dessen Gedichte als «parfümiert» sowie den religiösen Verkündigungston seiner Verlautbarungen zur Kunst als «albern» empfand. Erst durch die Lektüre von «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge», empfohlen von seiner späteren Frau Angelika Overath, wandelte sich seine Sicht grundlegend.
Diese persönliche Annäherung prägte auch den Abend: Manfred Koch zeichnet Rilke nicht als unnahbaren Klassiker, sondern als vielschichtige, auch widersprüchliche Persönlichkeit. Rückblickend bezeichnet er ihn als einen der grossen Manieristen der Weltliteratur und lädt dazu ein, sich immer wieder neu auf sein Werk einzulassen.
Rainer Maria Rilke kam 1919 in die Schweiz und lebte dort bis zu seinem Tod 1926. Das war die einzige Phase seines Lebens, in der er in gewisser Weise sesshaft war. Ansonsten war er, wie Manfred Koch im Vorwort des Buches schreibt, ein Fluchttier. Er vermutete, dass es keinen anderen deutschen Autor gibt, der so viel in der Eisenbahn unterwegs war wie Rilke, wenn er von einem ins andere Land reiste: Frankreich, Deutschland, Spanien, Italien, Nordafrika, Skandinavien. Rilke sollte eine kleine Lesereise durch sechs Schweizer Städte machen und hatte das grosse Glück, dass aus diesem «Ausflug» zunächst nach Zürich die Schweiz das Land wurde, in dem er seine letzten Lebensjahre geschützt verbringen konnte.
Rainer Maria Rilkes anfängliche Abwehrhaltung gegenüber der Schweiz verschwand allmählich. Er genoss die Freiheit und liess sich von den Schaufenstern in der Zürcher Bahnhofstrasse verzaubern, was ihn zu einem masslosen Einkauf von Seifen verführte. Es war jedoch das Land, das er früher nur in der Eisenbahn durchquert hatte, sorgsam darauf achtend, dass die Vorhänge seines Abteils zugezogen blieben, wie er behauptete. Da der Hottinger Lesezirkel sein Veranstaltungsprogramm erst im Herbst 1919 startete, hatte Rilke vier Monate Zeit zur Erkundung der Schweiz, lernte die Städte Genf, Zürich und Bern näher kennen und schrieb über Begegnungen und Orte. Fünf Monate später kam es fast zu einer Liebeserklärung an die Schweiz: «Ich bin täglich dankbar, noch in der Schweiz zu sein, es war eine Rettung für mich von so vielen Nachwirkungen des Krieges.»