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Rainer Maria Rilke erleben: Ein literarischer Abend im Grand Resort Bad Ragaz

Rainer Maria Rilke erleben: Ein literarischer Abend im Grand Resort Bad Ragaz

(v.l.) Angelika Overath, Manfred Koch, Alexa Ritter, © exclusiv
(v.l.) Angelika Overath, Manfred Koch, Alexa Ritter, © exclusiv

Ein Abend voller Poesie, Eindrücke und überraschender Einsichten in das Leben des grossen Dichters Rainer Maria Rilke erwartete die Gäste im Grand Resort Bad Ragaz. Durch den Abend führte Alexa Ritter, Kunst- und Kulturbeauftragte des Grand Resort, und im Mittelpunkt stand Manfred Kochs vielbeachtete Biografie «RILKE – Dichter der Angst», die zum 150. Geburtstag neue Perspektiven auf Leben und Werk eröffnet.

Einblicke in Leben und Werk

Rainer Maria Rilke gilt als einer der bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts. Seine Kunst verstand er selbst als Versuch, mit Angst umzugehen – ein Thema, das sein Leben und Werk stark prägte. Manfred Kochs Biografie verbindet Rilkes Lebensstationen – von Prag über Paris, Worpswede und München bis in die Schweiz – mit verständlichen Interpretationen seiner Texte. Besonders die Schweizer Jahre von 1919 bis 1926, die einzige Phase seines Lebens, in der Rilke einigermassen sesshaft war, standen im Fokus des literarischen Abends.

Angelika Overath und Manfred Koch, © exclusiv
Angelika Overath und Manfred Koch, © exclusiv

Ein besonders persönlicher Zugang zu Rilke eröffnete sich über Manfred Kochs Vorwort. Darin beschreibt er, dass er dem Dichter zu Beginn seines Studiums skeptisch gegenüberstand und dessen Gedichte als «parfümiert» sowie den religiösen Verkündigungston seiner Verlautbarungen zur Kunst als «albern» empfand. Erst durch die Lektüre von «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge», empfohlen von seiner späteren Frau Angelika Overath, wandelte sich seine Sicht grundlegend.

Diese persönliche Annäherung prägte auch den Abend: Manfred Koch zeichnet Rilke nicht als unnahbaren Klassiker, sondern als vielschichtige, auch widersprüchliche Persönlichkeit. Rückblickend bezeichnet er ihn als einen der grossen Manieristen der Weltliteratur und lädt dazu ein, sich immer wieder neu auf sein Werk einzulassen.

Rainer Maria Rilke kam 1919 in die Schweiz und lebte dort bis zu seinem Tod 1926. Das war die einzige Phase seines Lebens, in der er in gewisser Weise sesshaft war. Ansonsten war er, wie Manfred Koch im Vorwort des Buches schreibt, ein Fluchttier. Er vermutete, dass es keinen anderen deutschen Autor gibt, der so viel in der Eisenbahn unterwegs war wie Rilke, wenn er von einem ins andere Land reiste: Frankreich, Deutschland, Spanien, Italien, Nordafrika, Skandinavien. Rilke sollte eine kleine Lesereise durch sechs Schweizer Städte machen und hatte das grosse Glück, dass aus diesem «Ausflug» zunächst nach Zürich die Schweiz das Land wurde, in dem er seine letzten Lebensjahre geschützt verbringen konnte.

Rainer Maria Rilkes anfängliche Abwehrhaltung gegenüber der Schweiz verschwand allmählich. Er genoss die Freiheit und liess sich von den Schaufenstern in der Zürcher Bahnhofstrasse verzaubern, was ihn zu einem masslosen Einkauf von Seifen verführte. Es war jedoch das Land, das er früher nur in der Eisenbahn durchquert hatte, sorgsam darauf achtend, dass die Vorhänge seines Abteils zugezogen blieben, wie er behauptete. Da der Hottinger Lesezirkel sein Veranstaltungsprogramm erst im Herbst 1919 startete, hatte Rilke vier Monate Zeit zur Erkundung der Schweiz, lernte die Städte Genf, Zürich und Bern näher kennen und schrieb über Begegnungen und Orte. Fünf Monate später kam es fast zu einer Liebeserklärung an die Schweiz: «Ich bin täglich dankbar, noch in der Schweiz zu sein, es war eine Rettung für mich von so vielen Nachwirkungen des Krieges.»

(v.l.) Angelika Overath, Manfred Koch, Alexa Ritter, © exclusiv
(v.l.) Angelika Overath, Manfred Koch, Alexa Ritter, © exclusiv

Die Lesung eröffnete Angelika Overath mit dem Gedicht «O dieses ist das Tier, das es nicht gibt», das sie eindrucksvoll vortrug: «Sie wussten es nicht und haben es jedenfalls – sein Wandeln, seine Haltung, seinen Hals, bis in des stillen Blickes Licht – geliebt …». Anschliessend stellte Manfred Koch vier Abschnitte aus der Biografie vor, wobei er sich auf Rilkes Zeit in der Schweiz konzentrierte.

Angelika Overath ergänzte die Lesungen mit ausgewählten Gedichten aus der Anthologie «Rilkes Tiere» sowie Beschreibungen zu ihren Tierfotografien und Stillleben, die die Texte visuell unterstrichen. Manfred Koch machte zudem den Bogen zum Grandhotel Hof in Bad Ragaz, wo Rilke in den Jahren 1924, 1925 und 1926 dank seiner Mäzene längere Aufenthalte verbringen konnte. Es waren sehr produktive Aufenthalte, aus denen wunderbare Gedichte hervorgingen. Eines seiner schönsten Essays ist ein Durchgang durch die Tamina-Schlucht – ein Text, der erst lange nach seinem Tod bekannt wurde.

Der Anlass bot den Gästen nicht nur die Möglichkeit, Rilkes Leben und Werk aus neuen Perspektiven kennenzulernen, sondern machte auch die Verbindung zwischen Literatur, persönlichen Eindrücken und visuellem Erleben spürbar. Passend zum Abschied trug Angelika Overath das Gedicht «Abschied» vor.

In der stimmungsvollen Atmosphäre des Grand Resorts Bad Ragaz liessen die Gäste den Abend bei anregenden Gesprächen rund um den bekannten Dichter ausklingen, eine besondere Intensität, die entsteht, wenn man tief in die Literatur eintaucht. Manfred Koch, Angelika Overath und Alexa Ritter nahmen sich im Anschluss viel Zeit für persönliche Gespräche und machten die Lesung zu einem unvergesslichen, wunderbaren Erlebnis.

(v.l.) Angelika Overath, Manfred Koch, © exclusiv
(v.l.) Angelika Overath, Manfred Koch, © exclusiv

Über die Autoren

Angelika Overath, geb. 1957, ist Schriftstellerin und promovierte Germanistin. Sie veröffentlichte Romane, Essays und Reportagen, unterrichtete Kreatives Schreiben und leitete zusammen mit Manfred Koch Schreibkurse in St. Moritz. Ihre Bücher «Alle Farben des Schnees. Senter Tagebuch», «Gebrauchsanweisung für das Engadin» sowie «Engadinerinnen. Frauenleben in einem hohen Tal» sind Bestseller. Sie ist Trägerin des Egon-Erwin-Kisch-Preises für literarische Reportage und des Bündner Literaturpreises.

Manfred Koch, geb. 1955, ist Essayist und war bis Frühjahr 2021 Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Basel. Er unterrichtete u. a. an den Universitäten Thessaloniki, Giessen und Tübingen und war als Juror in verschiedenen Literaturjurys sowie als Mitorganisator der Tübinger Poetikdozentur tätig, in deren Rahmen er auch den Würth-Literaturpreis betreute.

Neben wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlichte er zahlreiche Essays, darunter «Brot und Spiele. Zur Religion des Sports» und «Faulheit. Eine schwierige Disziplin». Zusammen mit Angelika Overath gab er mehrere Anthologien heraus, zuletzt «Tafelrunde. Schriftsteller kochen für ihre Freunde». Zudem verfasst er regelmässig Literatur-Essays für den Südwestrundfunk Baden-Baden und engagierte sich im Vorstand des Autorenverbandes der Schweiz (AdS), wo er die Rumantschia vertrat.

Die beiden sind verheiratet, wie Alexa Ritter, Kunst- und Kulturbeauftragte des Grand Resort Bad Ragaz, während des Abends verriet, und wie auch aus dem Vorwort von Kochs Biografie «Rilke – Dichter der Angst» hervorgeht.

Weitere Informationen: Schreibschule Sent 

Quelle: Text und Fotos © exclusiv

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