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«Nachfragen erlaubt»: Eine Kindheit im Spital und die Kraft, das Leben zu gestalten

«Nachfragen erlaubt»: Eine Kindheit im Spital und die Kraft, das Leben zu gestalten

Alexa Ritter im Gespräch mit Alex Oberholzer
Alexa Ritter im Gespräch mit Alex Oberholzer

Alex Oberholzer über seine aussergewöhnliche Kindheit, den Mut, eigene Wege zu gehen, und sein Buch «Im Paradies der weissen Häubchen».

Was bedeutet es, auf die eigene Geschichte zurückzublicken? Und wie prägen Erfahrungen aus der Kindheit ein ganzes Leben? Beim ersten Abend der Reihe «Nachfragen erlaubt» im Hagenhaus in Nendeln war der Schweizer Journalist, Filmkritiker und Autor Alex Oberholzer zu Gast. Moderatorin Alexa Ritter führte mit viel Feingefühl durch ein Gespräch, das persönliche Erinnerungen, gesellschaftliche Fragen und bewegende Passagen aus seinem autobiografischen Buch «Im Paradies der weissen Häubchen» miteinander verband.

Bereits zu Beginn zeigte sich Alex Oberholzer begeistert vom Ort der Begegnung. Er habe seit dem Erscheinen seines Buches schon einige Lesungen gehalten, erklärte er, doch ein so schöner und sympathischer Ort wie das Hagenhaus sei etwas Besonderes. Es sei ihm eine ausserordentliche Freude, an diesem Abend hier zu sein.

Eine Kindheit im Spital 

1953 ohne rechte Hand und rechten Fuss geboren, erkrankte Alex Oberholzer als Kind zusätzlich an Polio. Die ersten zwölf Jahre seines Lebens verbrachte er im Kinderspital Affoltern am Albis bei Zürich, weitgehend abgeschirmt von der Aussenwelt. Als er im Alter von beinahe 13 Jahren nach Hause zurückkehrte, sah er seine Eltern und Geschwister zum ersten Mal bewusst.

Diese aussergewöhnliche Kindheit hat der Autor in seinem 2023 erschienenen Buch «Im Paradies der weissen Häubchen» festgehalten. Darin erzählt er von einer Welt, die vor allem von Frauen geprägt war: von Schwestern mit weissen Häubchen, die liebevoll und fürsorglich sein konnten, aber auch streng und unerbittlich. Er berichtet von Prothesen, Schienen und Korsetts, von ungewöhnlichen Begegnungen, pädagogisch fragwürdigen Methoden und seinem ersten Kinoerlebnis.

Warum er seine Geschichte erst mit 70 Jahren niedergeschrieben habe, wollte Alexa Ritter wissen. Immer wieder hätten ihn Menschen, denen er von seiner Kindheit erzählte, dazu ermuntert, seine Erinnerungen festzuhalten. Hinzu kam der Wunsch, bestimmten Menschen aus jener Zeit Danke zu sagen. Da er keinen Kontakt mehr zu den damaligen Schwestern hatte, wurde das Buch für ihn auch zu einer Möglichkeit, ihnen seine Dankbarkeit auszudrücken.

Und weshalb erst so spät? Darüber konnte Alex Oberholzer selbst schmunzeln: Studium, Beruf und Familie. Als Vater von vier Kindern habe ihm schlichtweg die Zeit gefehlt. Irgendwann sei ihm bewusst geworden, dass er das Buch entweder jetzt schreiben müsse oder es sonst wohl nie mehr tue.

Alexa Ritter verstand es, mit offenen, klug gesetzten Fragen immer wieder neue Facetten der Lebensgeschichte ihres Gastes sichtbar zu machen. Zwischen den Gesprächspassagen las Alex Oberholzer aus seinem Buch. Manche Episoden brachten das Publikum zum Schmunzeln, andere liessen die Zuhörerinnen und Zuhörer erschaudern.

Seine Erinnerungen führen zurück in eine Zeit, in der medizinische Autorität und strenge Hierarchien den Alltag in Institutionen stark prägten. Die damaligen Vorstellungen von Rehabilitation, Erziehung und dem Umgang mit Kindern mit Behinderungen unterschieden sich in wesentlichen Punkten von heutigen Ansätzen. Medizinische Versorgung stand im Vordergrund, während familiäre Nähe, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe nicht denselben Stellenwert erhielten.

Besonders erschütternd war die Schilderung, dass den Eltern damals von Besuchen abgeraten wurde, unter anderem aus Sorge vor Krankheitserregern und davor, das Heimweh der Kinder immer wieder neu zu entfachen. Auch die Eltern von Alex Oberholzer hielten sich an diese Vorgaben. So lernte er seine Familie erst kennen, als er das Kinderspital nach zwölf Jahren verliess.

Dennoch ist sein Buch keine Anklage. Mit Verwunderung, Humor und bemerkenswerter Offenheit blickt der Autor auf seine Kindheit zurück. Er erzählt von Menschen, die ihn geprägt haben, von schwierigen Erfahrungen und von jenen Momenten, die ihm Kraft gaben.

Gerade hier zeigte sich die besondere Qualität der Moderation. Alexa Ritter liess den Erzählungen Raum, griff Gedanken behutsam auf und stellte Fragen, die wohl auch viele Menschen im Publikum beschäftigten. So entstand kein gewöhnliches Frage-Antwort-Gespräch, sondern eine Begegnung, die zum Nachdenken anregte.

Ein Leben, das sich nicht auf eine Behinderung reduzieren lässt

Der weitere Lebensweg führte Alex Oberholzer über das Studium von Mathematik, Literatur und Kunstgeschichte schliesslich zum Journalismus. Mehr als drei Jahrzehnte lang war er als Filmredaktor bei Radio 24 tätig und begleitete das Kinogeschehen als Filmkritiker. Heute moderiert er Veranstaltungen, hält Vorträge zum Thema Resilienz und engagiert sich für Inklusion.

Im Gespräch wurde deutlich, wie wenig sich ein Mensch durch seine Krankheit oder Behinderung allein beschreiben lässt. Seine Geschichte handelt ebenso von Neugier, Humor, Bildung, Familie und der Fähigkeit, sich immer wieder neue Möglichkeiten zu erschliessen.

Polio – eine persönliche Geschichte mit globaler Bedeutung

Eine zusätzliche Dimension erhielt der Abend durch die Anwesenheit von Rotariern und einem Vertreter der Weltgesundheitsorganisation WHO. Rotary engagiert sich seit Jahrzehnten für die weltweite Ausrottung der Kinderlähmung und unterstützt gemeinsam mit internationalen Partnern Impfprogramme gegen Polio.

Die Infektionskrankheit kann das Nervensystem angreifen und bleibende Lähmungen verursachen. Obwohl bei ihrer Bekämpfung weltweit grosse Fortschritte erzielt wurden, ist das Ziel einer vollständig poliofreien Welt noch nicht erreicht.

Was in der öffentlichen Diskussion häufig als medizinisches oder internationales Gesundheitsthema erscheint, erhielt durch die Erzählungen von Alex Oberholzer eine unmittelbar menschliche Dimension. Seine Geschichte machte deutlich, weshalb dieses Engagement bis heute von Bedeutung ist.

Ein Abend, der nachwirkt

Vielleicht lag gerade darin die besondere Stärke dieses ersten Abends der Reihe «Nachfragen erlaubt»: Eine einzelne Lebensgeschichte öffnete den Blick auf weit grössere Zusammenhänge. Alexa Ritter nahm den Titel der Veranstaltungsreihe wörtlich. Sie fragte nach, hörte zu, liess auch schwierige Gedanken zu und verband die einzelnen Erzählungen mit einem feinen Gespür für die Menschen und den Moment.

Zurück blieb nicht nur die Erinnerung an eine aussergewöhnliche Kindheit, sondern auch ein Gedanke, der weit über diesen Abend hinausreicht: Eine Gesellschaft ist dann einen entscheidenden Schritt weiter, wenn es ihr gelingt, Menschen durch Rehabilitation, Bildung und gelebte Inklusion darin zu unterstützen, ihre Stärken zu entfalten und ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben zu führen.

Das Buch «Im Paradies der weissen Häubchen» von Alex Oberholzer ermutigt dazu, genau darüber nachzudenken. (https://www.alexoberholzer.ch/mein-buch)

Wer weitere besondere Begegnungen im Hagenhaus in Nendeln erleben möchte, findet hier die kommenden Veranstaltungen: >>

Text und Fotos: © exclusiv

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