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Warum auch das Unglück zum guten Leben gehört – Wilhelm Schmid über die Fülle des Lebens

Warum auch das Unglück zum guten Leben gehört – Wilhelm Schmid über die Fülle des Lebens

Moderatorin Alexa Ritter und Philosoph Wilhelm Schmid © exclusiv
Moderatorin Alexa Ritter und Philosoph Wilhelm Schmid © exclusiv

Alexa Ritter sprach im Hagenhaus in Nendeln mit dem bekannten Philosophen Wilhelm Schmid über sein Buch «Die Fülle des Lebens», über Glück, Lebenskunst und die Frage, warum ein erfülltes Leben auch schwierige Erfahrungen umfasst.

Im Rahmen der Reihe «Donnerstag im Hagenhaus – Nachfragen erlaubt» lud die Musikakademie in Liechtenstein zu einem Gesprächsabend mit dem Berliner Philosophen Wilhelm Schmid ein.

Zu Beginn begrüsste Beat Fehlmann, Geschäftsführer und künstlerischer Leiter, die zahlreichen Gäste im Peter-Kaiser-Konzertsaal im Hagenhaus. Er lud das Publikum ein, sich aktiv zu beteiligen: Auf Karten, die auf den Stühlen lagen, sollten sie notieren, was Glück für sie bedeutet. Mit dieser Einstimmung eröffnete Moderatorin Alexa Ritter den Abend und stellte die zentrale Frage: Wie kann ein gutes und erfülltes Leben gelingen?

Moderatorin Alexa Ritter und Philosoph Wilhelm Schmid © exclusiv
Moderatorin Alexa Ritter und Philosoph Wilhelm Schmid © exclusiv

Im Mittelpunkt des Abends stand sein Buch «Die Fülle des Lebens – 100 Fragmente des Glücks». Darin widerspricht Schmid der Vorstellung eines dauerhaften Glückszustands. Glück sei kein einheitlicher Zustand, sondern erscheine in verschiedenen Formen.

In seinen Antworten zeigte sich schnell, dass Wilhelm Schmid kein Philosoph ist, der Gedanken isoliert betrachtet. Vielmehr nähert er sich einem Thema aus verschiedenen Richtungen, prüft es im Alltag, in der Geschichte und in seinen eigenen Erfahrungen. Gerade in dieser Vielschichtigkeit wurde seine Denkweise an diesem Abend sichtbar.

Er unterscheidet drei Ebenen des Glücks: das Zufalls-Glück, das uns unverhofft begegnet und sich nicht planen lässt; das Wohlfühl-Glück, jene Momente des Alltags, die wir bewusst gestalten und geniessen können, die jedoch nicht dauerhaft anhalten; und schliesslich das Glück der Fülle, das nicht nur die hellen, sondern auch die dunklen Seiten des Lebens umfasst.

Dieses letzte Verständnis von Glück bildet den Kern seiner Philosophie: Ein erfülltes Leben entsteht nicht trotz der Widersprüche, sondern durch sie hindurch. Freude und Leid, Gelingen und Scheitern, Erfolg und Verlust gehören untrennbar zusammen.

Wilhelm Schmid betonte, dass es im Leben nicht darum gehe, nur das Positive festzuhalten. Vielmehr entstehe Tiefe erst dort, wo Menschen auch das Schwierige annehmen und integrieren. Ein zentraler Gedanke des Abends war die Bedeutung von Sinn. Für Schmid zeigt sich Sinn nicht abstrakt, sondern im gelebten Leben – besonders in der Liebe. Ob zu Menschen, zur Natur, zu Tieren, zur Arbeit oder zu Momenten des Alltags: Sinn entsteht dort, wo Beziehung entsteht. «Wenn man verliebt ist, stellt man die Sinnfrage nicht», sinngemäss ein Gedanke des Philosophen. Erst im Fehlen solcher intensiven Momente werde die Frage nach Sinn überhaupt spürbar.

Moderatorin Alexa Ritter und Philosoph Wilhelm Schmid © exclusiv
Moderatorin Alexa Ritter und Philosoph Wilhelm Schmid © exclusiv

Neben diesen philosophischen Überlegungen ging es auch um die kleinen Dinge des Alltags: um Gelassenheit, um Trost und um die Fähigkeit, das Leben nicht nur zu bewerten, sondern es zu erleben. Auch Themen wie Lebenskunst, die Kostbarkeit von Momenten und die Endlichkeit des Lebens fanden ihren Platz im Gespräch – ebenso persönliche Überlegungen des Philosophen zu der Frage, was er tun würde, wenn ihm noch ein letzter grosser Wunsch offenstünde. Für Wilhelm Schmid war dies die Weltreise, die er tatsächlich unternommen hat.

Am Ende des Abends schloss sich der Kreis: Alexa Ritter griff die zu Beginn verteilten Karten wieder auf und las einige der Antworten des Publikums auf die Frage «Was bedeutet Glück für Sie?» vor. Wilhelm Schmid reagierte darauf und gab überraschend ausführliche Gedanken zu einzelnen Aussagen aus dem Publikum.

Auf die letzte Frage der Moderatorin, was Glück für ihn an diesem Abend bedeute, antwortete der Philosoph: «Es ist immer ein Glück, mit Schönheit in Berührung zu kommen, einen schönen Abend zu erleben – und das reicht mir für heute vollkommen.» Das Publikum dankte ihm mit lang anhaltendem Applaus.

Ein Abend im Hagenhaus, der viele Denkanstösse hinterliess – nicht als Anleitung zum Glücklichsein, sondern als Einladung, das Leben in seiner ganzen Fülle zu betrachten. Denn genau darin lag der rote Faden dieses Gesprächs: Glück ist nicht nur das Leichte. Es ist auch das, was bleibt, wenn das Leben komplex wird.

Auch Beat Fehlmann und sein Team zogen ein positives Fazit. In ihrem Dank an die Gäste hiess es: «Wilhelm Schmids Gedanken über die «Fragmente des Glücks» hätten zahlreiche Gespräche angestossen – nicht nur im Saal, sondern auch im Foyer und auf dem Heimweg». Gerade diese Offenheit und Aufmerksamkeit machen solche Abende zu etwas ganz Besonderem.

Weitere Veranstaltungen finden Sie unter: www.hagenhaus.li

Wilhelm Schmid, geboren 1953 in Bayerisch-Schwaben, lebt als freier Philosoph in Berlin. Er studierte Philosophie und Geschichte in Berlin, Paris und Tübingen und lehrte viele Jahre an der Universität Erfurt. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und beschäftigen sich mit Fragen der Lebenskunst, des Glücks und eines gelingenden Lebens.

Quelle: Text und Fotos, © exclusiv

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