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Trotz Heimerfolg, in London muss sie sich selbst vermarkten

Trotz Heimerfolg, in London muss sie sich selbst vermarkten

Claudia Hutter im Gespräch mit der Werdenberger Regisseurin Raphaela Wagner

Claudia Hutter im Gespräch mit der Werdenberger Regisseurin Raphaela Wagner

Derzeit steckt die Werdenberger Regisseurin Raphaela Wagner (27) mitten in den Vorbereitungen für den Besuch von Filmfestivals mit ihrem aktuellen Kurzspielfilm «To Catch a Siren». Auch nach dem grossen Lob für ihr Opern-Debüt am Werdenbergersee mag sie sich nicht auf den Lorbeeren aus der Heimat ausruhen.

Claudia Hutter: Frau Wagner, Sie sind nach einer intensiven mehrmonatigen Zeit in Werdenberg für die Verdi-Opern-Produktion der Werdenberger Schloss-Festspiele zurück in London. Wie fühlt sich das an für Sie von der Ostschweiz zurückgekehrt in die Weltmetropole an der Themse?
Raphaela Wagner: Wie heimkommen. Manchmal merkt man erst, wie sehr ein Ort einem ans Herz gewachsen ist, wenn man ihn verlässt. Ich lebe jetzt seit meinem 18. Lebensjahr in London. Das hat mich künstlerisch wie persönlich geprägt. Der kulturelle Austausch und die Arbeit mit so vielen unterschiedlichen Menschen hat mir während meiner Zeit in Werdenberg gefehlt, genauso wie meine «Film Family», die ich doch stark vermisst habe.

Ist Grossbritannien inzwischen zu Ihrer zweiten Heimat geworden? 
Es ist definitiv zu meiner zweiten Heimat geworden. Vermutlich liegt der Ursprung meiner Verbundenheit zu England aber viel früher. 2009 musste mein Vater beruflich als Architekt nach England. Ich besuchte damals während fast eines Jahres die Volksschule in Südengland. Wir lachen gerne darüber, dass sich meine Eltern ihre «Londoner Kids»  selbst eingebrockt haben, indem sie uns nach England mitnahmen. Ich sehe dies als grosses Glück. Ich durfte zweisprachig aufwachsen. Auch mein älterer Bruder Michael lebt und arbeitet hier als Architekt und Bühnendesigner. 

Hat die Verdi-Oper am Werdenbergersee mit zehn ausverkauften Vorstellungen in London irgendwelche Spuren hinterlassen? 
(lacht) Der Ärmelkanal ist da vielleicht im Weg! Nein, Spuren hinterlassen hat Werdenberg hier in London noch keine, aber bei mir selbst. Ich bin an dem Projekt gewachsen. Dies wird meine zukünftige Arbeit beeinflussen.

Welche Projekte beschäftigen Sie aktuell?
Derzeit schreibe ich an meinem Langspielfilm «Die Wolkenweberin» weiter. Das Projekt musste in den vergangenen Monaten der Oper weichen. Jetzt habe ich Aufholbedarf. Zudem fliesst Zeit in das Promoten meines neusten Kurzfilms «To Catch a Siren», welcher seine Festivalreise begonnen hat. Gleichzeitig bin ich mit dem Filmschnitt der Video-Aufnahme von «Un Ballo in Maschera» beschäftigt.  

Ihr Filmschaffen, Ihre Drehbücher für Filme, stehen demnach aktuell in Ihrem Fokus. In Werdenberg war es eine Oper, dazu noch eine Verdi-Oper. Verzeihen Sie die Frage – doch mögen Sie Opern überhaupt? 
Als Kind hörte ich sehr oft Mozart und Bach. Die klassische Musik inspirierte immer wieder mein Filmschaffen. Der Sprung zur Oper war also kleiner als man denkt, zumindest mit meinen Interessen an Musik, Tanz und Dramaturgie. Zudem konnte ich dank des U25-Programms des Royal Opera House zahlreiche Ballettvorstellungen, Opern und moderne Tanzperformances erkunden. Ich sass in den vergangenen Jahren öfters im Auditorium des Royal Opera House in London und spielte während der eigentlichen Performance meine eigenen Bühnenideen im Kopf ab. Als ich die Anfrage der Schlossfestspiele erhielt, war meine Antwort somit schnell klar. Das war eine neue Challenge, die ich sehr gerne annehmen wollte.

Ihre Interpretation von «Un Ballo in Maschera» lag eng an der Originalfassung von Giuseppe Verdi. Unter anderem geht es auch um einen Beinahe-Femizid, da die Figur der Amelia sich in den besten Freund ihres Mannes verliebt. Für Ihre Inszenierung bekamen Sie von Opernkritikern und der Presse gute Noten. Ist diese Vorlage für ein Stück, das 1859 im Teatro Apollo in Rom uraufgeführt wurde, nicht anstrengend für eine junge moderne Frau, die erst kürzlich ihr Studium an der Raindance Film School London abschloss? Hatten Sie freie Hand bei der Regie? 
Gerade als junge Regisseurin mit so tiefgründiger Materie wie einer Oper von Verdi zu arbeiten, ähnelt einem Lehrgang. Wenn ich auf meine Arbeit zurückblicke, hätte ich einige der grossen Emotionen und Fragen gerne noch mehr hervorgeholt. Sein grösster Kritiker ist man selbst. Ich bin fasziniert, wie wir Menschen über Jahrhunderte hinweg die gleichen Fehler machen. Das ist unter anderem ein Thema in meinem Film «Die Wolkenweberin», der aufzeigt, wie ein Mädchen 1816 die gleichen Ängste vor Klima und technologischen Neuerungen hat wie meine Generation heute. Femizid, Eifersucht, Ehre und verletztes Vertrauen im Falle der Verdi-Oper sind Themen, die auch heute Aktualität haben. Die gesellschaftlichen Regeln haben sich zwar stark verändert, doch im Kern sind die Emotionen gleich. Nach wie vor finden die meisten Femizide innerhalb bestehender Partnerschaften statt. Oft geht es um Selbstwert und Sicherheit. Die Emotionen, welche die Figur Renato zu seinen Taten führen, sind tiefgründig. Er ist eine Figur, für die gesellschaftliche Normen und Regeln unumgänglich sind. Sie bedeuten für ihn Sicherheit. Wenn sein bester Freund und seine Frau diese gesellschaftlichen Regeln brechen, dann bricht für ihn eine komplette Welt zusammen. Das ist nicht einfach nur «meine Frau ist fremdgegangen». Da zieht es ihm den Boden unter den Füssen weg. Für ihn ist jegliche Weltordnung und jedes Gefühl der Sicherheit verloren gegangen.

Wenn Sie freie Hand hätten bei der Regieführug einer Operninszenierung irgendwo auf einer Bühne auf dieser Welt, käme eine moderne Adaption in Frage, eine Interpretation des Stoffes in die Neuzeit? 
Selbstverständlich bin ich auch für eine moderne Interpretation offen. Es würde mich reizen, etwas in einem geschlossenen Raum zu inszenieren, in dem Licht und Schattenspiel viel mehr eingesetzt werden können. Mich inspirieren Künstler wie Crystal Pite mit ihren schlichten aber tief emotionalen Bühnenbildern und Choreografien. Oder auch Punchdrunk’s «The Burnt City», ein immersives Theater, in dem sich das Publikum frei durch die Tänzer und Schauspieler bewegt. Ob historisch oder in der modernen Welt spielend, das sind Optionen, abhängig von den Lokalitäten, dem Stoff und dem Publikum. Am wichtigsten empfinde ich für mich, wie die Fragen und Emotionen transportiert werden, und wie man damit das Publikum erreichen kann. 

Warum glauben Sie, wollen Zuschauende heute nach wie vor so viel Leid und Schmerz bis hin zu Gewalt auf der Bühne sehen? 
Sich mit den Schattenseiten, der Düsterheit des Menschseins, zu beschäftigen, bringt uns näher zum Gegenteil. Die jugendliche Lebensfreude von Page Oskar und die beflügelnde Liebe, die Riccardo und Amelia wie Kinder durch einen Friedhof schweben lässt, sie erhalten erst ihre Wirkung im Kontrast zu Renato’s tief verletzter Seele und dessen Hingabe zu Eifersucht, Hass und Gewalt. Diese Kontraste, die Verdi sagenhaft in seine Musik integriert, lassen uns über unser eigenes Leben reflektieren. Was wollen wir selbst wählen? Lebensfreude oder Eifersucht? Liebe oder Hass? 

Sie selbst sind das Gegenteil einer Amelia-Figur – jung, unabhängig, international unterwegs. Es gibt Stimmen, die sagen, Sie würden schon bald mal in Hollywood enden. Übertreibungen, die Druck ausüben? 
Ich bin gegen aussen vielleicht ein Gegenteil zu Amelia und dennoch gibt es Aspekte dieser Figur, mit denen ich mich identifiziere. Es ist der Umgang mit dem Druck der Gesellschaft und sich dabei selbst immer und immer wieder zu hinterfragen. Ich würde lügen, wenn mich solche Emotionen nicht auch beschäftigen. Amelia ist für mich eigentlich eine Figur, die sehr viel Mut zeigt. Ob ich in Hollywood lande? Keine Ahnung, derzeit wäre ich mit einer ersten Fernseh-Episode oder einem Langspielfilm mehr als zufrieden. Ich glaube, die grösste Gefahr liegt darin, bei solchen Kommentaren nicht den Bezug zur Realität zu verlieren. Ich wurde in Werdenberg oft gelobt. Das ist nett und freut mich riesig, doch es gibt tausende talentierte Künstlerinnen und Künstler wie mich. London bringt dich da ganz schnell auf den Boden der Realität zurück und bekräftigt den Wunsch, sich stets zu verbessern.

Wie vermarktet sich eine junge Schweizer Drehbauchautorin und Regisseurin wie Sie in London? 
Man ist sich immer selbst am Vermarkten. Leider fallen mir die Projekte selten zu. Ich muss mein Netzwerk pflegen und erweitern. Internationale Filmfestivals sind dazu wertvoll. Es dauert oft länger bis Anfragen kommen, meist erarbeitet man sich die Projekte selbst. 

Die Werdenberger Schloss-Festspiele haben sich unter anderem zum Ziel gesetzt, ein Sprungbrett für junge Talente aus der Region zu sein. Heben Sie gerade ab oder bleiben Sie noch auf dem Boden?
(lacht) Abgesehen vom kommenden Flug nach Utah, USA, bleibe ich definitiv am Boden. 

Interview und Text: © Claudia Hutter

Infobox zum aktuellen Film, der auch am Kulturapéro in Sargans am 14. November zur Sprache kommen wird:

Infobox zum aktuellen Film, der auch am Kulturapéro in Sargans am 14. November zur Sprache kommen wird:

«To Catch A Siren» geht auf einen Festival Roadtrip – zusammen mit Raphaela Wagner

Das aktuelle Film-Projekt der Trübbacherin mit heutigem Wohnsitz in London trägt den Titel «To Catch a Siren», ein Kurzfilm, für den sie Regie führte. Dieser zeigt die Geschichte eines elternlosen iranischen Mädchens, das verzweifelt nach der Meerjungfrau sucht, von der sie glaubt, sie sei ihre Mutter. Das Mädchen wird adoptiert und in die Ferne geschickt. Am Ende, so löst der Film auf, hat das verwaiste Kind seine Mutter bei der Überfahrt über den Ärmelkanal verloren. Eine tiefgreifend berührende Geschichte, die auf die aktuelle sozio-politische Weltlage hinweist. Der Film feierte am 10. Oktober in Washington beim Immigration Film Festival Weltpremiere und reist dann weiter nach Brüssel, Utah und York. Für Raphaela Wagner war es nicht einfach, diese politischen und gewaltsamen Konflikte zu verfolgen, wenn gleichzeitig Mitwirkende aus dem eigenen Team Verwandte vor Ort hatten. Auf diese Weise erfuhr sie, so berichtete sie dem W&O gegenüber, eine besondere und herausfordernde Seite des internationalen Arbeitens, wo man sich nicht einfach in den Bergen quasi verschanzen und die Aussenwelt vergessen konnte. Die Geschichte wurde vom  Engländer Harvey John geschrieben, nachdem er mit 22 Jahren seinen Vater verlor. Er verarbeitete seinen eignen Verlust sowie die zahlreichen Migrations-Headlines in den englischen Zeitungen. Später kam die iranische Co-Autorin Jasmine Mohtashami hinzu, die beim Lewisham Refugee and Migrant Network arbeitet. Harvey John als Autor und Produzent als auch die deutsche Co-Produzentin Anke Sabrina Beermann habe sie als überaus inspirierende Arbeitskollegen bei dieser Produktion wahrgenommen, so die gebürtige Werdenbergerin. Eine Ausstrahlung von «To Catch a Siren» in der Schweiz ist in Arbeit. Im Rahmen des Kulturapéros in Sargans vom Samstag, 14. November, 10 Uhr, wird Raphaela Wagner im Kiwi Kino Sargans einen Vortrag halten und Einblicke in ihr aktuelles Filmschaffen geben. 

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