Der Kunstmarkt mit seinen Persönlichkeiten, Institutionen und Mechanismen fasziniert seit jeher. NOBLE BEGIERDEN – Eine Geschichte des europäischen Kunstmarkts (30. Januar bis 6. April 2026) rückt im Gartenpalais Liechtenstein erstmals die zugrunde liegenden Dynamiken ins Zentrum einer bahnbrechenden Ausstellung. Über 200 Exponate machen die Sonderausstellung zu einem historischen wie visuellen Erlebnis: Neben Hauptwerken aus den Fürstlichen Sammlungen, darunter Giambologna, Brueghel, Van Dyck und Canaletto, erwarten die Besucherinnen und Besucher prominente Leihgaben internationaler Sammlungen – von Tizian über Rembrandt und Monet bis hin zu Klimt.
Die Fürstlichen Sammlungen stehen mit ihrer 400-jährigen Geschichte in einer langen Tradition des generationenübergreifenden Sammelns. Dafür war und ist eine aktive Ankaufstätigkeit unumgänglich. Neuerwerbungen formten – damals wie heute – das Erscheinungsbild der Galerien. So prägten nicht nur die persönlichen Vorlieben der verschiedenen Fürsten, sondern auch der Kunstmarkt mit wechselnden Verkaufsstrategien, Trends setzenden Akteuren sowie ökonomischen Aspekten die Kunstsammlung.
Vor diesem Hintergrund widmet sich die Sonderausstellung der Fürstlichen Sammlungen der faszinierenden Geschichte des europäischen Kunstmarkts. Die Schau beleuchtet den Kunsthandel von der griechisch-römischen Antike über die italienischen Stadtstaaten der Renaissance und das «Goldene Zeitalter» der Niederlande bis hin zu sensationsheischenden Präsentationen und transatlantischen Verkäufen im 19. Jahrhundert.
Schlaglichtartig befasst sie sich mit Strukturen, Innovationszentren, prägenden Persönlichkeiten und Vermarktungsmethoden. Dabei wird deutlich, dass viele Phänomene des heutigen Kunstmarkts im Grunde jahrtausendealt sind und nichts an Aktualität verloren haben. Auktionen kannte schon das Römische Kaiserreich. Kunstmessen zogen bereits im Antwerpen des 16. Jahrhunderts ein internationales Publikum an und die ersten Werkskataloge Alter Meister wurden von Kunsthändlern im 18. Jahrhundert verfasst.
Da richtungsweisende Entwicklungen oft von Städten und Regionen ausgingen, widmet die Sonderausstellung diesen Innovationszentren eigene Räume, in denen die Fortschritte und neuartigen Praktiken veranschaulicht werden. Auf diese Weise wird nachvollziehbar, wie der Handel nicht nur die Verbreitung von Werken, sondern auch die Entwicklung der Künste und die Kunstgeschichtsschreibung geprägt hat. Die in Europa frühsten bekannten Kunstsammlungen sowie ein reger Handel mit Kunst sind bereits aus dem hellenistischen Griechenland überliefert. In römischer Zeit waren wohlhabende Bürger Roms besonders daran interessiert, Werke der griechischen Kunst zu erwerben. Während der Renaissance wurde die Kunstproduktion in Florenz durch öffentliche Aufträge und einflussreiche Mäzene vorangetrieben. Neri di Bicci fertigte je nach Zahlungskraft des Kunden Altargemälde in verschiedenen Grössen und unterschiedlich aufwendiger Ausführung. Gleichzeitig schufen Künstler Terrakottareliefs und kleine Andachtsbilder für den privaten Gebrauch, die dank serieller Produktion und effizienter Werkstattorganisation deutlich günstiger waren.
Die Medici liessen sich von Giambologna in Reiterstandbildern verewigen und nutzten seine unter Sammlern in ganz Europa begehrten Kleinbronzen als diplomatische und politische Geschenke.
Im Antwerpen des 16. Jahrhunderts entstand ein freier Markt, für den eine Fülle von Werken geschaffen und einem breiteren Publikum in der Schilderspand (Malergalerie) angeboten wurden. Im Laufe des folgenden Jahrhunderts handelten Kaufmannsfamilien mit Kunstwerken erstmals auf globaler Ebene. In dieser Zeit spezialisierten sich Künstler besonders in Amsterdam auch auf bestimmte Genres, was zeit- und kostensparend war und der Mittelschicht den Erwerb von Kunst ermöglichte. Dennoch blieben Porträts von Rembrandt van Rijn und Anthonis van Dyck oder Blumenstillleben von Rachel Ruysch wohlhabenden Personen vorbehalten. Die Kunstkammer des Cornelius von der Geest aus dem Rubenshuis zeigt den erfolgreichen Gewürzhändler inmitten seiner umfangreichen Kunstsammlung. Das «Goldene Zeitalter» in den Niederlanden führte zu einem beispiellosen Aufschwung der Kunstproduktion.
Die Professionalisierung des Handels und des Auktionswesens in Paris und London markierte einen weiteren Schritt in der Entwicklung des Kunstmarkts. James Christie begründete das Auktionshaus Christie’s, das heute mit spektakulären Verkäufen und Rekordpreisen Schlagzeilen macht. Im Zuge der Französischen Revolution kam es zu einem Aufbegehren gegen die Académie royale de peinture et de sculpture, die das Monopol auf Geschmack und Produktion beanspruchte. Im Verlauf des folgenden Jahrhunderts setzten sich manche Händler für alternative Ausstellungsmöglichkeiten ein, konkurrierten mit dem Pariser Salon und unterstützten marginalisierte Künstler wie Jean-Baptiste Camille Corot, Henri Rousseau, Gustave Courbet und Charles-François Daubigny. Sie wurden zu wichtigen Vermittlern, die neue Geschmäcker prägten und den aufkeimenden Kunstmarkt in den USA förderten.
Ein Höhepunkt der Ausstellung ist Claude Monets Gemälde Getreidestapel, Sonne im Nebel aus dem Art Institute in Minneapolis. Es ist gemeinsam mit drei weiteren Meisterwerken des Künstlers in der Ausstellung vertreten. Monets Konzept der Serie markierte einen Wendepunkt in der Kunst der Moderne, und die Verbindung von künstlerischer Autonomie mit kommerzieller Strategie trug dazu bei, das Selbstverständnis des modernen Künstlers neu zu definieren.
In Wien wiederum führte die Secession um die Jahrhundertwende innovative Verkaufsstrategien ein und präsentierte sich mit eleganten Ausstellungen, die sich deutlich von den akademischen Stilen und dissonanten Darstellungen abhoben, die kurz vor der Weltausstellung glorifiziert worden waren. In bewusster Abgrenzung zum Künstlerhaus propagierte sie künstlerische Autonomie und ästhetische Erneuerung. Marktferne wurde zu einem zentralen Ideal und zu einem wirkmächtigen kulturellen Versprechen. Diese Haltung ging mit neuen Formen der Selbstinszenierung einher. Als herausragendes Beispiel für den programmatischen Anspruch der Secession ist in der Ausstellung Gustav Klimts Nuda Veritas zu sehen.
Quelle: LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz–Vienna, Fürstliche Sammlungen Art Service GmbH, 1090 Wien, Nina Auinger-Sutterlüty, MAS, Leitung Kommunikation