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Fürstentum Liechtenstein

Liechtenstein
im Schatten Europas

Die Welt befindet sich in einem grossen Umbruch, mit dem
die geopolitischen Machtverhältnisse neu ausgerichtet werden.

S.D. Prinz Michael von und zu Liechtenstein erörtert in diesem Beitrag die aktuelle Weltlage und stellt den Bezug zu Liechtenstein her.
Im Gespräch mit exclusiv erläutert er auch die Hintergründe zu bestimmten Bildern im Unternehmen. Er ist Präsident des Verwaltungsrates von Industrie- und Finanzkontor Etablissement, einem liechtensteinischen Treuhandunternehmen das führend ist im Bereich der langfristigen Vermögenssicherung (Wealth Preservation). Im Weiteren ist S.D. Prinz Michael Gründer und Chairman der Geopolitical Intelligence Services AG Vaduz, einem geopolitischen Beratungs- und Informationsdienst, und Präsident des in Vaduz ansässigen
liberalen Think Tanks European Center of Austrian Economics Foundation.

Die Welt befindet sich in einem grossen Umbruch. Über die Ur-sachen und Hintergründe gehen die Meinungen auseinander und es herrscht absolutes Unwissen darüber, was nun zu tun ist. Vieles, was eigentlich offensichtlich wäre, wird durch den berüchtigten Scheuklappenblick verdrängt. Dies führt zu grossen geopolitischen Verwerfungen, politischen Unsicherheiten, gesellschaftlichen Ängsten und einem Beharren auf dem Status Quo.

Zugegeben, manchmal ist es schwierig, Ursache und Wirkung voneinander unter- scheiden zu können. Betrachtet man aber die aktuelle Weltsituation aus geopolitischer Perspektive, dann kommt man zu einigen Erkenntnissen.

Eine Kräfteverschiebung
Anno 1914 beherrschte Europa noch die Welt. Allerdings nahm bereits damals die Bedeutung der aufstrebenden Mächte USA und Japan zu. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann sich das geopolitische Machtverhältnis radikal zu verschieben. Die Welt war in ein Ost-West-Lager gespalten und von den ideologischen Spannungen zwischen den USA und der Sowjetunion gekennzeichnet. Insbesondere in Europa wurde der Einfluss dieser beiden Zonen drastisch sichtbar. Wirtschaftlich jedoch dominierten Westeuropa und die USA, wobei diesbezüglich auch Japan eine wesentliche Rolle zuzusprechen war.
 
Mit dem Zerfall der Sowjetunion in den Achtziger Jahren begann eine Phase der amerikanischen Vormachtstellung, an der heute von neuen, aufstrebenden Kräften gerüttelt wird. Allen voran von China. Aber auch Russland will sich wieder einen Platz unter den grossen Weltmächten sichern. Die Welt befindet sich aktuell somit wieder in einer Phase der geopolitischen Neu-ordnung. Und obschon Europa in internationalen Organisationen, wie beispiels- weise der G20 (Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer), stark vertreten ist, schwindet Europas geopolitische Bedeutung.
 
Veränderungen in der weltlichen Machtstruktur führen immer zu Spannungen und werden häufig von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen jenen Mächten begleitet, die ihre Position bewahren wollen und jenen, die ihre Position ausweiten wollen. Dies gilt sowohl für Weltmächte als auch für Regionalmächte. Als typische Beispiele für solche Spannungen sind zu nennen der Beginn des Syrienkonflikts oder der Konflikt im Jemen. Auch der nordkoreanische Diktator kann sich nur so verhalten, wie er es tut, weil er die Spannungen zwischen China, Russland und den USA für sich auszunutzen weiss.
 
Fortschritt bringt Veränderung
Neben der geopolitisch angespannten  Situation gibt es weitere Faktoren, die es zu berücksichtigen gilt. Allen voran der technologische Fortschritt, der in einem rasend schnellen Tempo voranschreitet. Einerseits ist er zu begrüssen, da er viele Chancen bereithält, andererseits aber führt er zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, mit denen es gekonnt umzugehen gilt. Angst vor Veränderung ist hier sicher fehl am Platz, da dadurch versucht wird, Fortschritt zu unterdrücken obschon der Bedarf für Fortschritt besteht. Aus einer solchen Angst heraus entstehen lediglich falsche Vorstellungen, Gesetze und Regulatorien. 

Ein grosser Vorteil des technischen und wissenschaftlichen Fortschrittes zeigt sich in medizinischen Fragen: die Lebensdauer hat sich erhöht und die Kindersterblichkeitsrate hat sich verringert. Dank logistischer Veränderungen und einem besseren Einsatz der Landwirtschaft hat sich auch die Welternährung drastisch verbessert. In der Konsequenz hat dies zu einem starken Anstieg der Weltbevölkerung und zu einem veränderten Alterungsprozess geführt. Der starke Bevölkerungsanstieg zeigt sich aber hauptsächlich in den weniger entwickelten und vielfach auch politisch instabilen Weltregionen. Was wiederum zu einer zunehmenden Migrationsbe- wegung führt.
 
Europas Politik
Mit Blick auf Europa zeigt sich eine grosse geopolitische Unsicherheit, die sich im Verhältnis zu Russland ausdrückt. Dadurch entsteht nicht nur in Nord- und Mitteleuropa ein besonderes Spannungsfeld, sondern insbesondere auch im Balkan und Schwarzmeergebiet. Zudem ist der Umgang Europas mit der Türkei von grossen Schwierigkeiten gekennzeichnet. Dies alles sind direkte Nachbarn Europas. Am brisantesten jedoch ist die politische und wirtschaftliche Lage im Mittleren Osten sowie in Afrika.

Derzeit ist Europa weder militärisch noch aussenpolitisch in der Lage, mit diesen Veränderungen angemessen umzugehen. Gleichzeitig verlangen die USA zu Recht, dass Europa in militärischen und aussenpolitischen Fragen mehr Eigenleistung erbringen muss. Es ist dem Verdienst von Präsident Trump zuzuschreiben, dass Europa nun gezwungenermassen damit beginnt, sich mit diesbezüglichen Fragen auseinanderzusetzen. Bedauerlich ist, dass Europa nicht schon vor einigen Jahren selbst darauf gekommen ist. Dieser Umstand kann jedoch nicht der Europäischen Union angelastet werden, sondern ist den einzelnen Regierungen zuzuschreiben, die es schlichtweg praktisch fanden, unangenehme Tatsachen einfach zu verdrängen.
 
Die europäische Politik reagiert derzeit mit einem noch stärkeren Ruf nach mehr Staat und Regulierung, was jedoch zu noch höheren Kosten und keinen Lösungen führen wird. Im Gegenteil, die wirtschaftliche Situation Europas wird sich dadurch verschlimmern. Im Weiteren sieht man, dass die Staatsverschuldung, Überregulierung und Transferleistungen zusammen mit einer verheerenden europäischen Migrationspolitik die stärksten zentrifugalen Kräfte in Europa sind. Manche Staaten wie zum Beispiel Deutschland oder die Schweiz handeln wirtschaftlich verantwortungsbewusst und der Fortschritt zeigt sich. Und die Distanz zu anderen Staaten wie Frankreich und Italien wird immer grösser. Als Reaktion versucht die europäische Technokratie eine Planwirtschaft mit gemeinsamen Ministerien zu errichten, um diese Unterschiede vermeintlich ausgleichen zu können. Langfristig werden damit jedoch lediglich eine Harmonisierung auf niedrigem Niveau herbeigeführt   und eine unproduktive Mittelmässigkeit institutionalisiert.
 
Liechtensteins Möglichkeiten
Liechtenstein kann sich all den vorher-gehend beschriebenen Veränderungen nicht entziehen und sich vor allem nicht von den europäischen Entwicklungen abkoppeln. Die wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen - beispielsweise in Form von Protektionismus, europäischer Überregulierung und Schwächung des Rechtsstaates oder noch stärker werdenden Migrationsströme nach Europa - werden auch vor Liechtenstein nicht Halt machen. Aufgrund der flächenmässigen Grösse kann Liechtenstein zwar nicht geopolitisch eingreifen, aber das Land muss und kann sich vorausschauend  mit den möglichen Konsequenzen auseinandersetzen, damit sich frühzeitig liechtensteinische Lösungen finden lassen. Im Vergleich mit anderen Staaten ist Liechtensteins Staatsstruktur äusserst  stabil und dennoch flexibel genug. Und man kann sich relativ rasch an neue Notwendigkeiten und Gegebenheiten anpassen. In der Geschichte wurde diese Flexibilität und Anpassungsfähigkeit bereits etliche Male unter Beweis gestellt.

Liechtensteins politisches System zeichnet sich aus durch das Zusammenspiel einer robusten und gelebten Monarchie, gepaart mit direkter Demokratie und einer sehr hohen Gemeindeautonomie. Dieses System hat sich bewährt. Das liberale Wirtschaftssystem erlaubt Unternehmen, innovativ zu sein. Unter anderem  sind deshalb führende Weltunternehmen in Liechtenstein entstanden. Die Politik hat mit dem raschen Ausgleich des im Zuge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise entstandenen Staatsdefizits bewiesen, dass sie in Ausnahmesituationen äusserst rasch und vorausschauend handeln kann. Nichtsdestotrotz steht Liechtenstein weiterhin vor grossen Herausforderungen, insbesondere im Hinblick auf unsere Ausbildungssysteme und den Erhalt eines effizienten und weiterhin schlanken Staates, um weiterhin ein interessanter Wirtschaftsstandort zu sein. In Zukunft werden vor allem Flexibilität und Offenheit gegenüber Neuerungen angezeigt sein.
 
Mittelmässigkeit durchbrechen
Mitunter mögen die vorangegangenen Schilderungen pessimistisch wirken, jedoch zeigen sie die aktuellen Entwick-lungen auf. Trotzdem sollte man nicht an der Widerstandskraft Europas zweifeln, mit der naturgemäss kurzfristige Verwerfungen einhergehen. Die Europäer bekunden derzeit an den Wahlurnen ihr Unbehagen, indem sie den etablierten politischen Strukturen ihr Misstrauen aussprechen und ihnen ihren Zuspruch entziehen. Mitunter braucht es die derzeit radikaleren Gruppierungen, damit sich die jahrzehntelange Bequemlichkeit und Mittelmässigkeit der sogenannten moderaten Parteien durchbrechen lässt. Dies könnte als die positive Seite dieser Entwicklung angesehen werden. Was jetzt dringend gefragt ist, sind Reformwille, Mut und Lösungen.

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