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300 Jahre Fürstentum Liechtenstein

I.K.H. Erbprinzessin Sophie von und zu Liechtenstein

Interview: 300 Jahre Fürstentum Liechtenstein, ein Jubiläum das sich mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft befasst.

exclusiv: Königliche Hoheit, wie haben Sie bis heute das Jubiläumsjahr erlebt und was hat Ihnen besonders gut gefallen oder war besonders eindrücklich?
I.K.H. Erbprinzessin Sophie von und zu Liechtenstein: Das Jahr war sehr vielseitig und abwechslungsreich. Es begann schon am 23. Januar mit der Jubiläumsfeier zu «300 Jahre Fürstentum Liechtenstein» zu der wir die Staatsoberhäupter der benachbarten Länder in Schaan begrüssen durften. Das war ein wunderschöner Einstieg. Kurz darauf folgte unser Besuch in der Schweiz, auch da war das Jubiläum ein Thema. Danach waren wir anlässlich der 300 Jahre in Berlin, wo es wiederum sehr schöne Begegnungen gab und die Leute uns beeindruckt zu unserem Landesjubiläum gratulierten. Weitere, sehr eindrückliche Anlässe waren die  Messen in Vaduz mit dem Nuntius und in Eschen, anlässlich der Einweihung des Liechtenstein Weges. Diesen bin ich leider bis heute noch nicht gegangen, immerhin habe ich mir die App heruntergeladen! Die Ausstellungseröffnungen im Landesmuseum zur Sonderausstellung «1719 – 300 Jahre Fürstentum Liechtenstein» und die kürzlich eröffnete Ausstellung im Kunstmuseum «Liechtenstein. Von der Zukunft der Vergangenheit», die den Dialog der Sammlungen als Thema hat, sind beide sehr beeindruckend und interessant. Ein weiterer Höhepunkt des Jubiläumsjahres war sicher der Staatsfeiertag; ein unvergessliches Fest, bei dem die Freude über unser Jubiläum überall spürbar war, wenn auch das Wetter nicht ganz mitgespielt hat.

Wir haben die Zahl «300» immer wieder gehört und gelesen. Was kommt Ihnen spontan zu der Vergangenheit von 300 Jahren in den Sinn?
Spontan 300 Jahre zu spüren, ist schwierig. Wenn ich aber darüber nachdenke, was in dieser Zeit in der Welt geschichtlich, politisch und gesellschaftlich passiert ist, begreife ich 300 Jahre als Zeitspanne besser. Ich bin immer wieder beeindruckt, dass es Liechtenstein noch gibt, wie sich das Land entwickelt hat und wie es gelungen ist, das Land in seinen Grenzen zu erhalten. Dank Klugheit, Glück und wohl auch Gnade, entstanden gute Rahmen- bedingungen für das Land, die Bevölkerung und die Zukunft.

Wie wichtig erachten Sie die Weitergabe der Geschichte und/ oder der Familiengeschichte an die nächste Generation?
Ich erachte Geschichte als sehr wichtig, nicht nur weil sie mir persönlich viel Freude macht. Wie heisst es so schön: «wer nicht weiss woher er kommt, weiss auch nicht wohin er geht». Die Geschichte erklärt vieles, man muss die Vergangenheit kennen, um die Gegenwart zu verstehen und um dann hoffentlich gute Lösungen für die Zukunft zu finden.
Geschichte besteht zum einen aus politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Teilen. Ein anderer Aspekt ist der persönliche Teil, die eigene Familiengeschichte. So zum Beispiel wie unsere Grosseltern lebten und wie sie die Herausforderungen ihrer Zeit bewältigten, bzw. welchen Fragen sie sich gegenüber sahen. Zur persönlichen Geschichte gehören auch Anekdoten, die es in jeder Familie gibt und die von Generation zu Generation weiter erzählt werden. Dass der Neni Brennholz gefrevelt habe oder wie die Grosseltern im Krieg fliehen mussten; all das zusammen ist Geschichte und erklärt immer auch unsere heutige Welt.

Unsere Generationen erleben eine sehr rasante Entwicklung in vielerlei Hinsichten. Sie sind Präsidentin des Liechten-steinischen Roten Kreuz (LRK), das 1945 gegründet wurde. Das ist im nächsten Jahr auch ein Jubiläum von 75 Jahren. Ein Rückblick?
Das Liechtensteinische Rote Kreuz hat seit seinem Bestehen sehr viel geleistet, im Inland wie im Ausland. Es fing an mit der Suppenküche für die Flüchtlinge nach dem Krieg, bis hin zur Flüchtlingshilfe heute in der ganzen Welt, wo hunderttausenden von Menschen Hilfe geboten werden kann. Im Land hat unsere Gesellschaft Pionierarbeit geleistet: Die Gründung des Fürsorgeamtes, des heutigen Amtes für soziale Dienste, ging vom Roten Kreuz aus und unsere Organisation half beim Aufbau des Samariterwesens mit. Bereits 1946 war eine Säuglingsfürsorge ins Leben gerufen worden, die noch heute unter dem Namen Mütter- und Väterberatung existiert. Und 1972 wurde der Rettungsdienst gegründet, der ebenfalls bis heute zum Liechtensteinischen Roten Kreuz gehört. 
So bin ich unserer Gründerin, Fürstin Gina, und meiner Vorgängerin, Fürstin Marie, die beide das Rote Kreuz sehr viele Jahre geführt haben, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Helfern und Helferinnen, unseren Mitgliedern und dem Exekutivkomitee unendlich dankbar. Und nicht zu vergessen, ohne die grosszügige Unterstützung der Liechtensteinischen Bevölkerung könnten wir nicht helfen, deshalb danke ich auch hier allen unseren Gönnern von ganzem Herzen.

Sie sind schon lange in der Sozialen Arbeit aktiv. Wie hat sich die Profession angepasst oder gewandelt?
Jede Generation hat hier ihre eigenen Herausforderungen. Wir haben zwar heute mehr materielle Hilfe als früher, aber gleichzeitig sind die Anforderungen auch höher. Der Qualitätsstandard ist gestiegen, die Professionalisierung hat zugenommen, es gibt viel mehr Gesetze zu beachten und wir haben viel mehr Partnerorganisationen im Sozialen und im Gesundheitswesen, mit denen man sich koordinieren muss. Als Beispiel: früher wurde ein Rettungssanitäter in wenigen Monaten ausgebildet. Heute braucht er mehr als zwei Jahre für seine Ausbildung. Oder betrachtet man die Entwicklung des Krankenwagens: am Anfang wurde irgendein Transportmittel genommen. Heute ist ein Krankenwagen ein kleiner Behandlungsraum auf Rädern. Bei all diesen Veränderungen aber hat der Mensch sich nicht wirklich verändert, er bedarf nach wie vor der Pflege bei Krankheit und Unfall und der Betreuung bei sozialen Problemen.

Wir leben in einer Zeit der tiefgreifenden Veränderungen, einer Zeit, in der die beschleunigte Dynamik immer deut-licher wahrnehmbar wird. Mit welchen Anpassungen, Problemen und Herausforderungen müssen sich die sozialen Organisationen auseinandersetzen?
Viele Aktivitäten des Roten Kreuzes waren immer schon auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Zum Beispiel durch Ausbildung; bei der Mütter-Väterberatung helfen wir den Eltern von Neugeborenen und Kleinkindern, diesen die richtige Pflege angedeihen zu lassen und helfen damit, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken. Denn es ist viel niederschwelliger zur Mütter-Väterberatung zu gehen, als jedes Mal zum Arzt zu laufen. In jeder Gemeinde finden Sprechstunden statt, die von den Familien genutzt werden können. Generell gilt auch für die Sozialarbeit, dass wir für die nächste Generation denken und verantwortungsvoll  handeln müssen.

Aus gesellschaftsverändernder Perspektive kommt die digitale Revolution/Transformation hinzu. Haben digitale Instrumente die Bereitstellung von Hilfe und die Interaktion mit den betroffenen Bevölkerungsgruppen verändert?
Ja sicher, das Rote Kreuz beispielsweise ist seit einigen Jahren auf Facebook. Das Internet veränderte alles, man ist viel schneller und unmittelbar erreichbar. Beim Roten Kreuz installieren wir demnächst eine neue Verwaltungssoftware, die uns hilft, effizienter zu arbeiten und die verschiedenen Informationen besser zusammenzutragen. Der Datenschutz bedeutet Aufwand, der aber auch sehr berechtigt ist, gerade bei Organisationen wie den unsrigen.
Ich durfte vor einigen Jahren eine Veranstaltung bei der Firma Hilti besuchen. Dort wurde gezeigt und erklärt, wie die Organisation Médecins Sans Frontières (MSF) mit Satellitenbildern arbeitet, um effizienter bei der Unterstützung von Flüchtlingen zu sein. Weil sie Flüchtlingslager mit aktuellen Satellitenbildern überprüfen, bevor sie den Einsatz am Boden haben, können sie viel effizienter und konkreter Hilfe leisten und die Einsätze besser planen.

Heute sind wir zunehmend mit unsichtbarem Leiden konfrontiert; Fragen der psychischen Gesundheit und die durch sexuelle Gewalt verursachten Qualen sind prominente Beispiele. Die psychische Gesundheit wird heute, im Gegensatz zu früher bei humanitären Notfällen ernster genommen. Mit welchen Herausforderungen sehen Sie uns dahingehend konfrontiert?
Die Zahl der psychischen Krankheiten nimmt jährlich zu. Jeder dritte ist zu einem Zeitpunkt seines Lebens von einer psychischen Krankheit betroffen und etwa 15% der Bevölkerung leiden aktuell darunter. Ich erlebe diese Zunahme auch bei schwanger.li, wo die Zahl der Frauen, die während der Schwangerschaft mit psychischen Problemen zu kämpfen haben oder nach der Geburt erkranken, stetig zunimmt. Die Gründe hierfür sind vielfältig und komplex.
In Kriegs- und Krisengebieten sind die langfristigen Folgeschäden für die psychische Gesundheit enorm. Das Bewusstsein für dieses Leiden ist niedrig, die Versorgung mit psychosozialer Unterstützung mangelhaft, was zu Diskriminierung und Ausgrenzung führen kann, weil die Betroffenen nicht behandelt werden.

Ich hatte die Gelegenheit, heuer im März in Luxemburg an der Tagung: «Stand, Speak and Rise up» teilzunehmen, die die Opfer und Überlebende sexueller Gewalt als Kriegswaffe in den Mittelpunkt stellte. Die Grossherzogin, auf deren Initiative dieser Anlass zurück ging, hatte unter anderem den Friedensnobelpreisträger Dr. Denis Mukwege aus dem Kongo und die Jesidin und Überlebende Nadia Murad, die gemeinsam mit Dr. Mukwege den Friedensnobelpreis gewonnen hat, eingeladen. Es war sehr bewegend, Dr. Mukwege über seine Arbeit sprechen zu hören. Aber besonders bewegend war es, die «Survivers», die Frauen also, die sexuelle Gewalt erleben mussten und überlebt haben, zu hören.
 
Die Frage «wieviel Mutter/Vater brauchen Kinder?» liefert Diskussionsstoff. Blicken wir nur zwei Generationen zurück, hat sich hier sehr viel verändert. Was sind Ihrer Meinung nach hier positive Entwicklungen, was muss noch getan werden und was entwickelt sich Ihrer Meinung nach eher in die falsche Richtung, respektive könnte in Zukunft negative Auswirkungen haben?
Ich bin froh, dass diese Fragen diskutiert werden. Positiv finde ich wie weitgehend normal es ist, dass die Väter von Anfang an viel mit den Kindern sind. Schön finde ich auch, dass die Forschung bestätigt, was jeder weiss, der eine Familie hat: wie wichtig für Kinder Bindung ist. Gerade im ersten Jahr, bzw. in den ersten drei Jahren brauchen Kleinkinder eine feste Bezugsperson, um gute Voraussetzungen für ihre spätere Entwicklung zu haben. Unter diesem Aspekt ist es schade, dass es für viele Eltern nicht möglich ist, ihre Kinder im ersten Jahr zu Hause zu betreuen, obwohl sie dies möchten. Eine qualitativ hochwertige ausserhäusliche Kinderbetreuung ist sicher eine gute Unterstützung, aber wie immer kommt es auch hier auf die Dauer der Zeit an, die die Kinder dort verbringen und ab welchem Alter sie dort sind. Gleichzeitig verstehe ich die Wirtschaft, die die Frauen gerne wieder am Arbeitsplatz möchte. Ich hoffe, es finden sich gute, nachhaltige Lösungen für alle, weil sonst langfristig Belastungen für unsere Gesellschaft entstehen könnten.
Und für die wenigen Kinder, ca 10%, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen müssen, hoffe ich, dass der Weg zu den vorhandenen, qualitativ hochwertigen, unterstützenden Organisationen gefunden und genutzt wird, damit kein Kind auf der Strecke bleibt.
 
Inwiefern werden ethische Themen und Gleichstellungsfragen in Zukunft eine Rolle spielen?
Ethische Themen werden in der Zukunft eine grosse Rolle spielen. Künstliche Intelligenz, Herausforderungen beim Schutz der persönlichen Privatsphäre, die Würde des Menschen, Werterhaltung beim Eigentum und Altersvorsorge, hier sehe ich grosse Herausforderungen auf uns zukommen. Von den Veränderungen in der Umwelt mal ganz zu schweigen. Die demographischen Veränderungen werden unter anderem auch Folgen bei der Freiwilligenarbeit haben. Teilweise wird dies vielleicht durch Künstliche Intelligenz abgefedert werden können. Aber es gibt viele Dinge, da ist der Mensch nicht leicht ersetzbar. Wenn aber weniger Menschen zur Verfügung stehen, als für gewisse Dienste nötig sind, stellt sich die Frage, ob es diese Dienste noch geben wird, ob sie nur für gewisse Menschen zur Verfügung stehen und was jene machen, die sie sich nicht leisten können, aber bräuchten? Daher scheint mir Ethik und Moral für die Zukunft essentiell.

Sie haben vier Kinder. Was war und ist Ihnen als Familie wichtig, den Kindern auf den Weg zu geben?
Uns ist es wichtig, dass sie anständige Menschen werden. Wir haben versucht, ihnen die Freude an Wissen, Bildung und Kultur weiterzugeben. Auch ihre Herzensbildung ist uns wichtig und weil uns der Glaube wichtig ist, hoffen wir, ihnen die Freude am Glauben weitergegeben und im Sinn des Hl Don Bosco: «Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen» vorgelebt zu haben.

Ein Jubiläum wie 300 Jahre Fürstentum Liechtenstein ist  ein Geburtstag, der mit Wünschen verbunden ist. Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?
Dem Geburtstagkind wünsche ich natürlich weiterhin Frieden, Glück und Sicherheit. Ich wünsche mir für unser wunderschönes Land den Erhalt seiner prachtvollen Natur, einen klugen Umgang mit den Ressourcen, Verantwortungsträger mit Mass und Ziel und natürlich Gottes Segen für unser Land und seine Zukunft.

Wir bedanken uns bei I.K.H. Erbprinzessin Sophie von und zu Liechtenstein für das Interview.

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