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Ribelmais
im Fürstentum Liechtenstein

In Liechtenstein wird der Anbau von Ribelmais das erste Mal 1713 urkundlich erwähnt. Etwa um 1680 soll das «Türkenkorn» erstmals angepflanzt worden sein, und es wurde rasch eine beliebte und für die Versorgung wichtige Frucht.

Das Kloster Pfäfers wollte auf Mais eine Abgabe, den Zehnten, erheben, aber die Eschner hielten dem ein Abkommen von 1660 entgegen, in welchem sie vom kleinen Zehnten befreit wurden.

Die Sache blieb liegen, bis die Herrschaft Schellenberg an Liechtenstein überging, da entschied das Fürstliche Oberamt 1713: «Das Türkenkorn sei eine Frucht, die in Mühlen und Öfen gebracht werden könne, auch aller Orte zum grossen Zehnten zugeeignet werden.» In den folgenden Jahren trat der Mais einen richtigen Siegeszug an und überflügelte die anderen Kulturen.

Zu den vorzüglichsten und bedeutendsten Erzeugnissen des Landes zählte Landvogt Schuppler 1815 neben Heu und Streue das Türkenkorn und Erdäpfel.

Mais und Kartoffeln hatten also bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Vorherrschaft unter den angebauten Nahrungsmitteln inne. In der Naturalrechnung des Rentamtes von 1732 nimmt der Türken hinter «Kernen» und Gerste mengen- und wertmässig bereits die dritte Stelle ein. Seit 1750 überflügelt er meistens auch die Gerste, um schliesslich seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts auch die «Kernen» vom ersten Platz zu verdrängen. Vor allem Missernten, Teuerungen und Kriegslasten hatten dem exotischen Korn, dem Mais oder dem Welschkorn, schnell zu einer allgemeinen Bedeutung verholfen. Massgebend für die schnelle Verbreitung dieser Pflanze war ihre Ausgiebigkeit, die allen anderen Getreidearten weit übertraf. Ausserdem kam das milde Föhnklima dem Maisanbau sehr entgegen. 1871 waren acht Prozent der Gesamtfläche Liechtensteins oder 60 Prozent der Ackerfläche mit Mais bepflanzt. Der Mais war das Volksnahrungsmittel des 19. Jahrhunderts und bildete zusammen mit der Kartoffel die Grundlage der Ernährung.

Im Gegensatz zu heute, wo für jeden Arbeitsschritt spezielle Maschinen zur Verfügung stehen, erfolgten bis zur Mechanisierung der Landwirtschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts alle Arbeitsschritte in der Handarbeit. Anbautechnisch gesehen ist der Mais eine Hackfrucht, und so war der Maisanbau mit jenem von Kartoffeln vergleichbar.

Pflanzzeit für den Mais waren die ersten Tage im Mai. Dabei war wichtig, dass die Körner und die jungen Triebe vor den Raben geschützt wurden. So wurden auch Vogelscheuchen aufgestellt, und es wurden geschossene Raben an einer Stange angebunden. In verschiedenen Gemeinden wurde ein Vogelhirt angestellt.

Rupert Ritter hielt fest, dass der Türken zum Reifen mindestens 100 Sonnentage brauche. Ende Oktober konnte dann geerntet werden.

Liechtensteins Gesellschaft hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg rasant verändert. Bei der vormals bäuerlich geprägten Bevölkerung nahmen die Industrie und der Dienstleistungssektor einen enormen Aufschwung. Damit veränderten sich auch die gesellschaftlichen Wertvorstellungen. In dieser Phase des wirtschaftlichen Erfolgs waren die mit Mühen verbundenen Tätigkeiten um den Anbau, die Ernte und auch die Verarbeitung des Ribelmaises nicht mehr lebensnotwendig, denn der Lebensunterhalt konnte nun auf anderem Wege gesichert werden. So veränderten sich auch die Essgewohnheiten, indem Ribel, der vorher täglich auf dem Tisch stand, immer seltener wurde. Interessant ist dennoch, dass Pierre Raton, ein französischer Rechtsgelehrter, 1969 festhielt, dass der Ribel das liechtensteinische Nationalgericht darstelle.

www.ribelmais.ch

text: julius ospelt, schaan
foto: © exclusiv